ISSN 2359-4101

Brazilian Literature in Translation / Literatura Brasileña en Traducción

Issue / Numero

year/año: 2012
issue/numero: # 02



Das Mädchen mit den Schwefelhölzern


Author | Autor: Adriana Lunardi


Translated by Magdalena Nowinska

Die Nachricht, dass meine Schwester ins Krankenhaus eingeliefert wurde, erreichte mich an einem Februarnachmittag, in der Karnevalswoche, während ich gerade Bücher abstaubte. Auf dem Tisch gestapelte oder auf dem Boden verstreute Romane und Essays warteten darauf, sauber und geordnet für ein weiteres Schuljahr in die Regale zurückzukehren. Ich würde mich von einigen trennen oder ein neues Regal besorgen müssen, das ist ein Problem, das mich seit Jahren begleitet, aus verschiedenen Gründen, aufgrund von einem enormen Mangel an Entscheidungsfähigkeit beispielsweise, und aufgrund von einigen kleineren Mängeln, wie dem des Geldes. Titel, die ich für nicht mehr brauchbar hielt oder solche, die meiner Meinung nach in einer öffentlichen Bibliothek besseren Nutzen finden könnten, hatte ich zur Seite gelegt. Bei jedem Umzug machte ich das, meine einzige Wohltätigkeitsgeste. Bis zur Kaffeepause hatte der Stapel, der zum Verschenken gedacht war, bereits einen beträchtlichen Umfang erreicht und war groß genug, um eine kleine, aber gut sortierte Handbibliothek zu bilden. Während ich am Kaffee nippte, öffnete ich eine Robinson-Crusoe-Ausgabe, die ganz oben drauf lag. Die Ausgabe, gedruckt auf Zeitungspapier und mit didaktischen Anmerkungen, war nicht gerade berauschend. Beim Blättern entdeckte ich mit einem Bleistift unterstrichene Sätze und meinen Namen, geschrieben mit den kleinen, noch kindlichen Buchstaben aus der Zeit der siebten Klasse. Es schien mir, dass der alte Schmöker nur für mich irgendeine sentimentale Bedeutung haben konnte, und ich nahm das Buch vom Stapel. Darunter kam eine Ausgabe der Zeitschrift Revista Sur zum Vorschein, die ich von einem Freund aus Argentinien bekommen hatte. Auch sie legte ich zur Seite, ich hatte nicht den Mut, mich von Victoria Ocampo zu trennen. Langsam wurde mir aber klar, dass meine philanthropische Haltung zu schwinden begann. Der Wunsch, anonymen, bedürftigen Lesern gute Literatur zukommen zu lassen gab einem viel stärkeren Sammelbedürfnis Platz, welches mich dazu zwang, einen Rückzieher nach dem anderen zu machen und meine großzügigen Absichten fahren zu lassen. Wenn es so weiter gegangen wäre, wäre der ganze Spendenstapel auf die Regale zurückgekehrt, so als ob nichts geschehenwäre. Wiederholtes Niesen und Rückenschmerzen erinnerten mich daran, warum ich eigentlich diese Tätigkeit so vor mir hergeschoben hatte. Warum aber heute?, fragte ich den Staubwedel, und bereute, dass ich meine Ferien für eine so ermüdende und letztendlich überhaupt nicht dringende Aufgabe verschwendete. Ich hätte damit bis zum Herbst warten können, oder aber die Putzfrau mit dem Abstauben beauftragen können, während mir dann nur die alphabetische Anordnung der Bücher vorbehalten geblieben wäre. Noch war ich jedoch, an jenem von der Sommerzeit in die Länge gezogenen Tag, weit vom tiefen Bereuen entfernt, als ich den Anrufbeantworter hörte.

  Ich gehe nie ans Telefon ohne vorher festzustellen, wer mich anruft, und daher hielt ich kurz inne und hörte mir die Nachricht, die gerade aufgenommen wurde, an. An den scharfen R-s und S-s und der Sprachmelodie erkannte ich den südlichen Akzent der jungen Frau, die sich vorstellte (ich solle bitte ihren Anruf entschuldigen) und erklärte, dass sie mich durch die Vermittlung eines alten Studienfreundes (Marcelo C. da Cunha), zu dem sie Kontakt hatte, ausfindig gemacht hatte.
  Eine Freundesfreundin kommt wohl nach Rio und braucht Tipps zum Ausgehen oder ein Sofa zum Schlafen für ein paar Tage, deduzierte ich irritiert.
  Das ist eben der Preis dafür, dass man in einer touristisch beliebten Stadt wohnt. Alle halten dich für einen kostenlosen Reiseleiter mit einer jugendlichen Aufgeschlossenheit für neue Freundschaften und einer Bereitschaft, Backpacker unterzubringen. Ich war froh, dass ich nicht ans Telefon gegangen war, bis ich merkte, dass es in der Nachricht um etwas ganz anderes ging.   Nach den anfänglichen Formalitäten (ich bin eine Freundin deiner Schwester), wurde die Stimme nach einer verlegenen Präambel (es tut mir sehr Leid, diese Nachircht zu übermittelnt) besorgt, und fuhr mit vielen Unterbrechungen (sie hatte eine Krise) und Verzögerungen (einen Anfall) fort. Sie würde eine Nummer hinterlassen, falls ich anrufen und mehr Informationen wollte. In dem Moment hob ich den Hörer ab und bat sie zu sprechen, ich würde zuhören.
  Zu dem langen Gespräch, das folgte, trug ich nur mit Halbwörtern bei. Ich fühlte mich, als ob ich gegen meinen Willen an einen dekadenten Ort zurück versetzt worden wäre, den aufzuräumen mich viel Kraft gekostet hatte; ein Zimmer, das nach dem Einrichten verschlossen worden war und auch so bleiben sollte, wie ich mit meinem Psychoanalytiker abgemacht hatte.
  Die junge Frau, deren Namen ich auf einen Zettel notierte, auf dem ich während des Gesprächs kritzelte, eine Unbekannte, hatte die Dämmerung in der hellsten Jahreszeit vorzeitig einsetzen lassen. Der Helligkeitsregler, der bis dahin darauf eingestellt gewesen war, die Intensität der Erinnerungen abzuschwächen, ging nun gegen den Uhrzeigersinn, voller Ungeduld, um am Anfang der Zeiten anzukommen, noch bevor das “Es werde Licht!” Tag und Nacht voneinander getrennt hatte, beim kosmischen Nebel, zu dem ich, zugegeben, eine recht perverse Nähe unterhielt, solche, mit der man schwer fertig wird, wenn man sie erst einmal ausprobiert hatte.   Die einzige Vergangenheit jedoch, die mich wirklich interessierte, war die, die vor hundert, zweihundert, fünfhundert Jahren in Büchern niedergeschrieben worden war, welche ich respektiere, weil sie zu den unveränderlichen Dingen gehören, solchen, die sich nicht zu verändern brauchen. Ansonsten zählte für mich nur die Gegenwart. Und die Gegenwart, das war eine Bibliothek, die aufgeräumt werden sollte, die Aufgabe, Buch für Buch vom Regal zu nehmen, den Buchdeckel aufzuschlagen und ein wenig auf die Bindung zu pusten. Die Gegenwart, das war
das Kopfzerbrechen, wie man Don Quijote und Den letzten Leser 1 auf dem gleichen, 2,70 mal 2,30 m großen Raum unterbringen sollte, in dem neben einem Teil des westlichen Literaturkanons auch noch Bücher von Freunden und orientalische Autoren passen sollten – meine Anordnung, muss ich nämlich hinzufügen, pfeift auf Staatsangehörigkeiten. Die Gegenwart bestand einzig darin, den Sieg der Bücherwürmer und Pilze zu verzögern, die aber am Ende doch siegen würden.   Das war die Gegenwart.
  Nachdem ich aufgelegt hatte, war der Tag zu einen Anderen geworden. Ich hätte ihn nicht mehr durch eine häusliche Szene beschreiben können, ihn zu einem liebevollen Abbild eines Putznachmittags machen können, mit Staubwedeln und Möbelpoliermitteln und Gegenwartsdichtern, die nach dem richtigen Platz für sich auf dem Regal fragen. Ein Foto hätte jedoch die Veränderung, die im Raum vor sich gegangen war, nicht erfassen können und würde auch nicht registrieren können, wo ich jetzt bin.
  Alles geschieht hinter meinem inneren Auge.
  Es sieht weder einen bestimmten Ort, noch eine bestimmte Zeit, und doch ist das Bild aus irgendeinem Grund dem chaotischen Szenario der gestapelten Romane, die den Boden bedecken, nicht unähnlich. 





Welche Farbe hat das graue Zimmer?
  (Schweigen)
  Welche Farbe? drängte ich.
  Die Farbe von Hulk, antwortete meine Schwester mit jener depressiven Stimme, die bei anderen Gelegenheiten lediglich eine Variante des absoluten Schweigens war. Nur konnte man diesmal den Grund nachvollziehen.
  Es war schon mal weiß, rosa, lila, sandgelb gewesen, und nun dieses fenchelstichige Grün. Von der Eingangstür aus dachte ich, dass es einfacher wäre, es das Mädchenzimmer zu nennen, anstatt auf dem ursprünglichen Namen zu beharren. Farbwechsel waren jedoch noch nie Grund genug für Änderungen der Nomenklatur, und schon gar nicht von einem Schlafzimmer.
  Hast du die erste gesehen?
  Die erste und die letzte.
  Es läuft aufs Gleiche hinaus.
  Grau zu Grau.
Meine Schwester wurde in solchen Momenten besonders abstrakt. 
  Sie wiederholte Wörter oder wechselte die Reihenfolge der Satzglieder und ordnete sie verkehrt an, um zu sehen, ob sie so einen Sinn entdecken könnte.
Ich habe dem so oft zugehört, dass ich aufwuchs im Glauben, dass der Sinn ein Schlüssel war, der in einem abgeschlossenen Köfferchen vergessen worden war: man konnte zwar sein Rattern hören, ihn selbst aber nicht sehen.
  Stunden später und auf der noch nackten Matratze liegend las ich die Broschüren, die Papa mitgebracht hatte.
   Sie besagten, dass die Stadt über einem Vulkankrater erbaut worden war – einem immer noch aktiven, hätte ich hinzuzufügen wollen, wenn nicht gerade Januar gewesen wäre, der Monat, in dem jeder Ort dieses Landes von den Ausdunstungen einer flüssigen Lavamasse umhüllt zu sein scheint, die direkt unter dem Asphalt kocht. Die Knochen des ersten brasilianischen Dinosauriers, des Estauricosauriers, wurden hier gefunden, und auch die Rincosaurier, eine Art zähnestarrender Echsen aus dem Trias, sind hier umhergezogen. Platz hatten sie jedenfalls gehabt. Aus dem Fenster konnte man die Ebene sehen, die die Stadt umgab und die sich ohne Hindernisse bis zur Grenze Brasiliens hinzog, wo sich ein schüchterner Haufen bläulicher Berge nur erhob, um den Augen eine Ruhepause zu gönnen, die das Ausmaß jenes Hinterhofes, der Pampa genannt wird, nie erfassen können. einem Vulkankrater erbaut worden war – einem immer noch aktiven, hätte ich hinzuzufügen wollen, wenn nicht gerade Januar gewesen wäre, der Monat, in dem jeder Ort dieses Landes von den Ausdunstungen einer flüssigen Lavamasse umhüllt zu sein scheint, die direkt unter dem Asphalt kocht. Die Knochen des ersten brasilianischen Dinosauriers, des Estauricosauriers, wurden hier gefunden, und auch die Rincosaurier, eine Art zähnestarrender Echsen aus dem Trias, sind hier umhergezogen. Platz hatten sie jedenfalls gehabt. Aus dem Fenster konnte man die Ebene sehen, die die Stadt umgab und die sich ohne Hindernisse bis zur Grenze Brasiliens hinzog, wo sich ein schüchterner Haufen bläulicher Berge nur erhob, um den Augen eine Ruhepause zu gönnen, die das Ausmaß jenes Hinterhofes, der Pampa genannt wird, nie erfassen können.
  Ausgestorbene Tiere, Vulkane, Krater. Der Ort schien eine Kampfarena zu sein, auf der die Kräfte der Natur aufeinander prallten. Solange ich dort wohnte, hatte ich immer davon geträumt, vor einem Vulkanausbruch zu flüchten, wie in Pompeji, oder an einer Ecke einem wieder erweckten Dino zu begegnen, was, metaphorisch, Jahre später tatsächlich geschehen sollte.
  Papa hatte die Stadt wegen der guten Schulen ausgewählt. Behauptete er zumindest - und nur ich, wie es scheint, habe daran geglaubt. Meine Geschwister fingen immer andere Mitteilungen ab. Sie hatten sogar eine Art Code aufgestellt, ein Lexikon, um die Geheimsprache unseres Vaters zu übersetzen.
  Wenn du so etwas wie Wir müssen uns weiterentwickeln, oder Varianten davon, wie zum Beispiel Wir müssen vorwärts schauen, hörst, lehrte mich meine Schwester, während sie die Sätze in einem linierten Heft schrieb, dann will er damit eigentlich sagen Ich habe mal wieder falsch gelegen. Jedes Mal wenn er den Spruch Nur das Neue zählt anbringt, ersetze ihn durch Ich habe viele Schulden zurückgelassen, fügte mein Bruder hinzu, indem er die Stimme und den erhobenen Finger nachahmte, die Papa bei Familienversammlungen aufsetzte.
  Ich wehrte mich dagegen, zu akzeptieren, dass das Versprechen einer guten Schule mit unseren Geldbeutel nicht vereinbar war. Obwohl wir zur sozialen Klasse der Abgebrannten gehörten, glaubte ich an das Gerede von der Zukunft der Kinder. Laut meiner Geschwister war das jedoch alles nur eine Ausrede, um zu rechtfertigen, dass in der anderen Stadt Kunden zurückgelassen wurden. Oder dass man vor Gläubigern floh, was ziemlich häufig vorkam.
  So oder so stand jedoch fest, dass wir nach Antares gezogen waren und dass ich an eine erstklassige Schule kommen würde. Nichts hätte wichtiger sein können.

  Das Beste am Umzug von einer Stadt zur anderen war, die Möbel neu angeordnet sehen zu können. Auf den Sesseln, auf denen man sich früher gegenseitig die Knie drückte, konnten nun Riesen problemlos ihre langen Beine ausstrecken. Das Sofa wirkte nicht mehr wir ein ungeschlachter Grobian, der mit seinen Armen die zarten Seitentische zerdrückte, sondern hatte sich in einen einsamen Walross ohne Stoßzähne verwandelt. Der Teppich schien beim Waschen leider eingegangen zu sein. Da wir viel umzogen, taten wir gut daran, alles zu vermeiden, was Nägel und Hammer erforderte. Eine glatte, unberührte Wand gehört zum häuslichen Ideal einer Wanderfamilie. Blumenvasen und Stehrahmen für Fotos stellten unsere einzigen Raumdekorationen dar. Für Pflanzen galt das Gleiche wie für Tiere: es geht besser ohne. Erfahrungen waren gemacht und wiederholt worden und nun war man sich sicher. Niemand kann sich vorstellen, welchen Schaden eine Zwergschildkröte anrichten kann, wenn am Ende einer Reise, beim Ausräumen des Wagens, ihre Abwesenheit bemerkt wird. Projiziere man nun das Drama auf warme und haarige Wesen: sie verbieten sich von selbst. Ein Maskottchen zurück zu lassen verletzt das Herz von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen, auch wenn das Zurücklassen erst im Nachhinein und viel später wirksam wird, als Vorwürfe und Verletzungen, deren Ursprung unbekannt zu sein scheint. Hingegen Gegenstände, ja, die sind die besten Freunde, die man haben kann; sie sollten nach Möglichkeit tragbar und zusammenklappbar sein, und in einen Koffer passen, oder, besser noch, in eine Hand. Ein Garfield-Schlüsselanhänger war für mich jahrelang das vollkommenste Wesen des Universums gewesen. Er ruht in Frieden in einer Schuhkiste, die ich immer noch mit mir herumschleppe. Wenige Menschen können das Gleiche über ihre jeweiligen Lieben sagen.
  Mama, die sich selten zu einem Kommentar hinreißen ließ oder mit Nachdruck Meinungen von sich gab, ging an jenem Tag zwischen den Möbeln hin und her, und nahm Handbreit für Handbreit die Anordnung unter Augenschein, die wir mit Hilfe der Möbelträger erstellt hatten.
  Im Esszimmer kann ein Butler locker um den Tisch herum gehen, sagte sie entzückt, während sie mit den Fingern die Rückenlehnen der Stühle tastete.
  Diese Art von Reaktionen kannten wir bereits. Mamas Freuden waren zu persönlich, um sie zu verstehen. Nicht einmal die banale Bemerkung – die aber natürlich niemand machen würde – dass wir doch gar keinen Butler hatten, hätte dieser Zufriedenheit auch nur irgendeinen Abbruch tun können. Es war nicht wichtig, ob der Grund des Glücks unwirklich oder wirklich war. Allein die Tatsache, dass sie aus ihrer üblichen Gleichgültigkeit erwachte und etwas, und wenn es noch so verwirrend war, mit uns teilte, war Grund genug, um auf die Mystik der Vernunft zu verzichten.
  Zur Feier des Tages gab es Hamburger, die Papa wie ein französischer Kellner auf den Tellern des Feiertagsgeschirrs servierte.
  Nur wir können den Grund unseres Glücks verstehen, dachte ich, als ich Mama lachen und das Eis im Coca-Cola-Glas schwenken sah, und nur durch Zufall, schlussfolgerte ich, durch spärlichen, puren und hirnverbrannten Zufall können wir bewirken, dass es jemandem Anderen zuteilwird. 



1. Der Verweis bezieht sich auf Ricardo Piglias Essayband El ultimo lector. Deutsche Ausgabe: Ricardo Piglia, Der letzte Leser: Essays, übers. von Leopold Federmair, Wien: Klever, 2010 (A.d.Ü.).





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